Führung, PERMA-Lead

Haltung ohne Verhalten ist wirkungslos

Infografik: Haltung wird über Anker und Rituale zu Führungsverhalten. Schreibtisch mit Kaffee, Anker und Dankkarte, darunter fünf Schritte: ein Prozent am Tag, Anker, zwei Minuten, jeden Tag ein Strich, Rituale.

„Wertschätzung ist uns wichtig.“ Diesen Satz habe ich in fast jedem Leitbild gelesen, das mir in über 25 Jahren Führung begegnet ist. Und in jedem Führungsseminar sitzen Menschen, die ihn aus voller Überzeugung unterschreiben. Montag früh hilft diese Überzeugung wenig. Das Postfach ist voll, die Frühbesprechung zieht sich, um neun wartet der erste Termin. Die Wertschätzung bleibt im Leitbild.

Haltung ist das, was du dir vornimmst. Verhalten ist das, was bei den anderen ankommt. Deine Mitarbeitenden sehen deine Haltung nie. Sie sehen, was du tust. Und was du immer wieder tust, halten sie für deine Haltung.

Warum gute Vorsätze nach dem Seminar verpuffen

Du kennst das vermutlich. Zwei Tage Führungsseminar, viele gute Ideen, am Ende ein Transferbogen mit drei Vorsätzen. Vier Wochen später liegt der Bogen in der Schublade. Am Willen liegt das selten. Ein großer Teil unseres Arbeitstags läuft über Gewohnheiten. Und eine Gewohnheit setzt sich gegen einen Vorsatz fast immer durch, weil sie nichts kostet. Kein Nachdenken, keine Entscheidung, keine Überwindung.

Wer sein Führungsverhalten ändern will, braucht deshalb neue Gewohnheiten. Mit Willenskraft allein gewinnt man diesen Kampf gegen den Alltag selten.

Die 1%-Methode: Was Atomic Habits für Führung bedeutet

James Clear hat dazu das Buch „Atomic Habits“ geschrieben, auf Deutsch erschienen als „Die 1%-Methode“ (hier meine Zusammenfassung von Atomic Habits auf Deutsch). Seine Grundidee passt auf einen Bierdeckel. Wenn du jeden Tag ein Prozent besser wirst, bist du nach einem Jahr rechnerisch rund 37-mal besser. Wenn du jeden Tag ein Prozent nachlässt, bleibt nach einem Jahr fast nichts übrig.

Das ist ein Rechenbild. Führung lässt sich in Prozent nicht messen. Aber das Bild zeigt, worauf es ankommt: kleine Schritte, die oft genug passieren. Für Führungskräfte ist das eine gute Nachricht. Du musst morgen kein anderer Mensch sein. Es reicht, eine kleine Sache jeden Tag zu tun.

Den wichtigsten Gedanken für Führung versteckt Clear hinter der Mathematik. Jede Handlung ist eine Stimme für die Person, die du sein willst. Wer jeden Tag einmal konkret Danke sagt, gibt jeden Tag eine Stimme für die wertschätzende Führungskraft ab. Irgendwann ist die Mehrheit eindeutig, für dich und für dein Team. So wird aus Verhalten Haltung. Ohne diese Stimmen bleibt die Haltung eine Behauptung.

Anker: Wo neues Führungsverhalten festmacht

In meinen PERMA-Lead-Workshops arbeite ich mit zwei Begriffen: Anker und Rituale. Ein Anker ist ein Moment, der ohnehin jeden Arbeitstag stattfindet. Der erste Kaffee. Das Hochfahren des Rechners. Das Ende der Lagebesprechung. Der Weg zum Auto. An diesen Moment hängst du das neue Verhalten. Clear nennt das „Habit Stacking“ und gibt eine einfache Formel dazu: Nach meiner bisherigen Gewohnheit mache ich die neue.

Für Führungskräfte kann das so aussehen:

  • Nach der Frühbesprechung gehe ich zu einer Person und sage ihr konkret, was mir an ihrer Arbeit aufgefallen ist.
  • Wenn der Rechner hochfährt, schreibe ich eine Zeile Dank, bevor ich das Postfach öffne.
  • Nach dem letzten Termin des Tages frage ich mich: Mit wem aus meinem Team habe ich heute kein Wort gewechselt?

Der Anker nimmt dir die Entscheidung ab. Du musst nicht mehr daran denken, der Moment erinnert dich. Gute Anker sind fest, häufig und unabhängig von deiner Laune. Ein Anker, der nur in ruhigen Wochen vorkommt, trägt nicht.

Die vier Gesetze aus Atomic Habits im Führungsalltag

Clear beschreibt vier Stellschrauben, mit denen eine Gewohnheit wahrscheinlicher wird. Übersetzt in den Führungsalltag sehen sie so aus.

Mach es sichtbar. Der Anker ist der Auslöser. Hilfreich ist zusätzlich etwas, das dich daran erinnert. Ein Stapel Dankkarten neben der Tastatur wirkt stärker als ein Vorsatz im Kopf.

Mach es attraktiv. Verbinde das neue Verhalten mit etwas, das du gern tust. Wer seinen Rundgang durchs Team mit dem ersten Kaffee verbindet, freut sich auf beides.

Mach es einfach. Clears Zwei-Minuten-Regel: Am Anfang darf die neue Gewohnheit höchstens zwei Minuten dauern. Ein Satz Dank. Eine echte Frage. Eine Zeile im Notizbuch, etwa mit den vier Abendfragen. Ausbauen kannst du später. Erst muss das Verhalten zuverlässig stattfinden.

Mach es befriedigend. Ein Strich im Kalender für jeden Tag, an dem du es getan hast. Das klingt banal und wirkt trotzdem, weil Fortschritt sichtbar wird. Und wenn du einen Tag auslässt: kein Drama. Clears Faustregel lautet, nie zweimal hintereinander auszusetzen.

Rituale: Wenn Gewohnheiten ins Team wandern

Anker wirken bei dir. Rituale wirken im Team. Ein Ritual ist eine Gewohnheit, die mehrere Menschen teilen und die eine Bedeutung trägt. Es läuft auch dann, wenn du einen schlechten Tag hast oder im Urlaub bist.

Ein Beispiel aus meiner Praxis: Besprechungen beginnen mit den Menschen, dann folgt die Frage „Was ist seit dem letzten Mal gelungen?“, und erst danach kommen die offenen Punkte. Andere Teams schließen die Woche mit einer kurzen Runde, in der jede und jeder einen Dank an eine Kollegin oder einen Kollegen ausspricht. Wieder andere haben ein festes Ritual für den ersten und den letzten Arbeitstag.

Ein Ritual verlagert die Verantwortung. Am Anfang trägst du es allein. Irgendwann merkt das Team, wenn es fehlt. Wenn dich jemand daran erinnert, dass die Gelungen-Runde noch aussteht, ist das Verhalten verankert. Dann gehört es dem Team.

Wie lange dauert es, bis neues Verhalten sitzt?

Eine Forschungsgruppe um Phillippa Lally am University College London hat Menschen beim Aufbau einer neuen Alltagsgewohnheit begleitet. Im Mittel dauerte es 66 Tage, bis das Verhalten automatisch lief. Die Spanne war groß, sie reichte von 18 bis 254 Tagen. Ein einzelner ausgelassener Tag hat den Aufbau nicht spürbar zurückgeworfen.

Für dich heißt das: Plane mit zwei bis drei Monaten und rechne mit Ausreißern. Und sei geduldig mit dir. Wer nach drei Wochen aufgibt, weil es noch nicht von selbst läuft, hört kurz vor dem Ziel auf.

Was ich dir vorschlage

Nimm dir eine Haltung, die dir als Führungskraft wichtig ist. Wenn du sie noch suchst, hilft die Werte-Klärung. Übersetze sie in ein Verhalten, das weniger als zwei Minuten dauert. Such dir einen Anker, der an jedem Arbeitstag vorkommt, und schreib den Satz auf: „Nach … mache ich …“. Mach jeden Tag einen Strich.

Nach acht bis zehn Wochen schaust du, ob es von selbst läuft. Wenn ja, nimm dein Team dazu und mach ein Ritual daraus. Dann such dir das nächste eine Prozent.

Haltung zeigt sich in dem, was du am Dienstag um zehn Uhr tust. An jedem Dienstag.

Quellen

Clear, J. (2018). Atomic habits: An easy & proven way to build good habits & break bad ones. Avery.

Clear, J. (2020). Die 1%-Methode: Minimale Veränderung, maximale Wirkung. Goldmann.

Lally, P., van Jaarsveld, C. H. M., Potts, H. W. W., & Wardle, J. (2010). How are habits formed: Modelling habit formation in the real world. European Journal of Social Psychology, 40(6), 998–1009. https://doi.org/10.1002/ejsp.674