Forschung, Führung

Du führst andere. Wer führt dich selbst?

Du führst andere. Wer führt dich selbst?

In nur fünf Tagen kamen 269 auswertbare Stimmen für die Pilotstudie zum neuen Selbsteinschätzungs-Tool für Führungskräfte zusammen. Die Daten zeigen: Das Instrument misst zuverlässig, Selbstreflexion schützt eher vor Burnout und drei wunde Punkte ziehen sich quer durch alle Branchen: Strenge mit sich selbst, kritisch bewertete Vorgesetzte und das Privatleben als Restgröße.

Wie geht es Ihnen eigentlich — als Führungskraft, mit sich selbst? Genau das misst mein neues Selbsteinschätzungs-Tool. 269 Stimmen in nur fünf Tagen Pilotierung zeigen: Das Werkzeug funktioniert — und drei Themen ziehen sich quer durch alle Branchen.

Fünf Tage. Mehr nicht.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geht. Vor genau fünf Tagen ist die Befragung online gegangen, mit der ich mein neues Selbsteinschätzungs-Tool für Führungskräfte wissenschaftlich validieren möchte. Mein Forschungsziel waren mindestens zweihundert vollständige Datensätze.

Heute Morgen waren es 274.

Fünf davon habe ich nach strengen Datenqualitätsregeln aussortiert — Tempo deutlich unter zwei Minuten, oder bei nahezu allen Fragen derselbe Wert. Solche Antwortmuster verzerren das Bild, also raus damit, sauber dokumentiert.

Bleiben 269 Stimmen, die jetzt das Fundament für die nächste Etappe bilden.

Und das, was sie sagen, ist erstaunlich.

Befund 1: Das Werkzeug funktioniert

Ich will nicht mit Statistik langweilen. Aber zwei Sätze müssen sein, weil sie wichtig sind.

Erstens: Validität  — Das Werkzeug misst das, was es messen soll. Wer sich in seiner Führungsrolle wohlfühlt, gut für sich selbst sorgen kann, Sinn empfindet und sich wirksam erlebt, berichtet weniger Burnout, mehr Lebenszufriedenheit, mehr Resilienz und mehr Bindung an den Beruf. Genau wie es die Theorie vorhersagt — und in vergleichbarer Größenordnung wie bei verwandten Instrumenten.

Zweitens: Die Reliabilität — also wie sauber das Instrument das misst, was es messen soll — liegt über alle fünf Dimensionen hinweg im akzeptablen bis guten Bereich. Mit dem methodisch saubereren Reliabilitätsmaß sind die Werte sogar durchgängig solide. Das ist die Hürde, an der viele neu entwickelte Fragebögen scheitern, und sie ist genommen.

Was ich besonders ermutigend finde: Was die Probandinnen mir in den langen Pretest-Gesprächen erzählt hatten, taucht jetzt strukturiert in den Daten wieder auf. Persönliche Erfahrung wird empirisches Wissen. Das ist der Moment, in dem aus „Idee” Wissenschaft wird.

Befund 2: Reflexion ist gut. Punkt.

Während der Pilotierung war ich mir einen Moment lang nicht sicher, ob eine intensive Selbstreflexion in der Führungsrolle wirklich schützt — oder vielleicht sogar belasten kann. Bei kleinen Datenmengen sah es nämlich so aus, als gäbe es einen leicht ambivalenten Effekt: Wer viel reflektiert, fühlt sich vielleicht etwas mehr belastet, dachte ich.

Diese Hypothese kann ich jetzt aufgeben.

Mit der vollständigen Stichprobe ist klar: Reflexion über das eigene Führungshandeln ist neutral bis leicht schützend gegen Burnout — nicht belastend. Was ich anfangs sah, war ein Artefakt kleiner Stichproben.

Was mich aber besonders freut: Die offenen Reflexionsantworten, die mir 50 der Teilnehmenden hinterlassen haben, sind durchgängig konstruktiv-lernend, nicht grübelnd-zerstörerisch. Niemand schrieb „ich zweifle an mir”. Sondern:

  • „Vermehrt positiven Fokus auf die Zusammenarbeit mit Kollegen legen.”
  • „Eigene Vorstellungen besser durchsetzen.”
  • „Dankbarkeit für meinen Weg.”

Führungskräfte, die sich Zeit nehmen, in sich hineinzuhören, machen das auf eine produktive Art. Das ist eine gute Nachricht. Sie kollidiert mit dem manchmal kursierenden Narrativ, Selbstreflexion sei eine Falltür ins Grübeln.

Befund 3: Drei wunde Punkte, die sich quer durch ziehen

Die quantitativen Daten und die offenen Reflexionsantworten zeichnen ein erstaunlich konsistentes Bild dessen, was Führungskräfte heute belastet. Drei Themen tauchen über und über wieder auf.

Wunder Punkt 1 — Wir sind streng mit uns selbst

Der Item-Mittelwert für die Frage „In schwierigen Momenten als Führungskraft begegne ich mir freundlich” ist der niedrigste aller 20 Selbst-Einschätzungen. Mehrere Teilnehmende formulieren das in den freien Antworten ganz explizit:

„Bin gütiger zu anderen als zu mir selbst.”

„Mein Selbstprofil ist definitiv kritischer.”

Wunder Punkt 2 — Vorgesetzte als unser kritischster Bezugspunkt

Wenn ich die Bewertungen für Mitarbeitende, Kolleg:innen, das private Umfeld und Vorgesetzte vergleiche, dann werden Vorgesetzte mit Abstand am niedrigsten und am uneinheitlichsten bewertet. Einige Stimmen werden in den Reflexionen sehr deutlich:

„Mein aktueller Vorgesetzter geht mit seinem autoritären Führungsstil hoffentlich bald in Pension.”

„Dass die Gestaltungsmöglichkeiten in der ersten Führungsebene wenig bis nichts hergeben.”

Wunder Punkt 3 — Das Privatleben wird zur Restgröße

Dieses Thema war im standardisierten Fragebogen nicht direkt erfasst, taucht aber in den offenen Antworten so oft auf, dass ich es als eigenständiges Muster wahrnehme:

„Familie sollte vor der Arbeit kommen, tut es leider nicht.”

„Dass mein Privatleben signifikant schlechter bewertet ist.”

„Mein Privatleben muss mehr zum Erleben werden als zum Abarbeiten von Pflichten.”

Diese drei Punkte sind kein Polizei-Spezifikum. Sie ziehen sich quer durch alle Sektoren, die in der Stichprobe vertreten sind. Sie spiegeln vermutlich eine größere Wahrheit der gegenwärtigen Führungskultur. Und sie deuten auf Hebel, an denen modernes Coaching ansetzen kann.

Wie es weitergeht

Die Pilotierung hat geliefert, was ich brauchte. Jetzt geht es weiter — auf zwei Ebenen.

Wissenschaftlich: Eine zweite, unabhängige Studie zur Replikation der Befunde, idealerweise mit gemischterer Branchen-Stichprobe. Und ein Manuskript für eine Fachzeitschrift, an dem ich in den kommenden Wochen arbeite.

In der Anwendung: Das eigentliche Ziel war von Anfang an, dass aus diesem Werkzeug ein Instrument für individuelles Führungskräfte-Coaching wird. Eine Selbsteinschätzung, die nicht aus Ranglisten und Wertungen besteht, sondern als Anlass dient — für ein gutes Gespräch zwischen einer Führungskraft und einer Begleitung. Diese Anwendung wird der nächste konkrete Schritt sein.

Danke

Wenn Du unter den 269 Stimmen warst — danke. Wirklich. Ohne Dich wäre das nicht passiert.

Wenn Du es nicht warst, aber das Thema spannend finden: Ich werde auf docbb.de regelmäßig über den Stand des Projekts schreiben, auch über die Anwendungsentwicklung im Coaching.

Ein Punkt, der hängen bleibt: Das Werkzeug funktioniert. Aber das Spannende sind nicht die Zahlen. Es sind die Geschichten, die dazwischen aufblitzen — über Selbstkritik, über schwierige Vorgesetzte, über vergessenes Privatleben. Über Reflexion, die produktiv ist und nicht zermürbend.

Das ist es, woran ich weiterarbeiten möchte.